Friedhof der Klaviere

Belletristik

José Luís Peixoto

Friedhof der Klaviere

Aus dem Portugiesischen von Ilse Dick

Peixoto entwirft ein episches Porträt einer Tischlerfamilie im Arbeiterviertel von Lissabon, indem er raffiniert die Erinnerungen Francisco Lázaros, seines Vaters und die seines Sohnes unwirklich zeitlos miteinander verwebt. Der "Friedhof der Klaviere" ist wie ein magischer Ort. Drei Tischler aus drei Generationen, verbunden durch ihre Leidenschaft für das Restaurieren von Klavieren, erzählen aus ihrem Leben, einem Kaleidoskop von Liebe und Gewalt, Verletzung und Zärtlichkeit, von Geburt und Tod.

Verlagstexte

Der Friedhof der Klaviere ist wie ein magischer Ort, an dem sich schon Generationen von Lázaros eingefunden haben, ein Ort freiwilligen Exils, heimlicher Treffen, versteckter Ehebrüche, ein Ort zum Träumen und ein Ort der Musik, die sich im Klang der Sprache des Autors niederschlägt.

Drei Tischler aus drei Generationen, verbunden durch ihre Leidenschaft für das Restaurieren von Klavieren, erzählen aus ihrem Leben, einem Kaleidoskop von Liebe und Gewalt, Verletzung und Zärtlichkeit, von Geburt und Tod.

Francisco Lázaro hat sein Leben bereits hinter sich, als er damit beginnt. Von einem fürsorglichen Familienvater verwandelt er sich in einen gewalttätigen und trunksüchtigen Ehemann. Seine Kinder werden erwachsen, gründen ihre eigene Familie, doch ihr Schicksal wird immer wieder von der Vergangenheit bestimmt.

Sein Sohn Francisco lässt während des Marathonlaufs bei den Olympischen Spielen in Stockholm seine Kindheit Revue passieren. Er stirbt bei Kilometer 30 an dem Tag, an dem nun sein Sohn geboren wird.

Der Tod verbindet die Generationen und erneuert sie. Er birgt neues Leben, wie auch die in dem dunklen Raum der Tischlerei neben- und übereinander gestapelten Klaviere zu neuem Leben beitragen, wenn Teile von ihnen benutzt werden, um kaputte Klaviere wieder zum Klingen zu bringen.

Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Familien-Saga anmutet, sprengt durch die unvergleichliche Sprachgewalt Peixotos, durch die Aufhebung zeitlicher Grenzen, durch die Verschmelzung der Protagonisten jegliche Vorstellungskraft und lässt aus drei Generationen eine werden.

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© Cover: Verlag, Foto(s): Gonçalo Lobo Pinheiro

Presse- und Autorenstimmen

Eine Geschichte durchzogen von Sex und Verrat, von Ambition und Frustration, vom zumeist vereitelten Wunsch zu gefallen ... Peixoto hat ein unnachahmliches Gespür für Rhythmus und einen scharfen Blick für leuchtende Bilder.

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Independant

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Die Art der Wahrnehmung zeichnet Peixoto besonders aus, sie wird transportiert durch seine ganz eigenen Sprach- und Bildwelten.

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Times Literary Supplement

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Ich habe keinen Zweifel, dass er das sichere Versprechen eines großartigen Autors ist.

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Jose Saramago

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Video

Textprobe(n)

Als ich krank wurde, wusste ich gleich, dass ich sterben würde.

In den letzten Monaten meines Lebens, als ich den Weg zwischen unserem Haus und der Werkstatt noch zu Fuß zurücklegen konnte, setzte ich mich oft auf einen Bretterstoß, unfähig, bei den einfachsten Dingen mitzuhelfen: einen Türrahmen abhobeln, einen Nagel einschlagen: und sah Francisco zu, wie er in einem Nebel von Sägemehl arbeitete. Als junger Mann war ich auch so gewesen. An diesen Nachmittagen, als meine jungen Jahre so undenkbar lange Zeit zurücklagen, vergewisserte ich mich, dass er mich nicht sah, und wenn ich nicht mehr konnte, legte ich den Kopf zwischen die Hände. Ich fing das immense Gewicht meines Kopfes auf: die Welt: und hielt mir die Hände vor die Augen, um im Dunkeln zu leiden, in einer Stille, die ich mir selbst vormachte. Für die letzten Wochen meines Lebens ging ich ins Krankenhaus.

Marta kam nie ins Krankenhaus, um mich zu besuchen. Sie war mit Hermes schwanger. Ihrem Wesen entsprechend, brauchte Marta in den letzten Monaten der Schwangerschaft viel Zuwendung. Plötzlich erinnere ich mich an damals, als sie noch klein war und so glücklich auf dem gebrauchten Roller, den ich für sie gekauft hatte, ich erinnere mich an die Zeit, als sie zur Schule ging, erinnere mich an so vieles. Während ich im Krankenhaus darauf wartete zu sterben, wartete Marta, gar nicht weit entfernt, in einem anderen Krankenhaus darauf, dass Hermes zur Welt kam.

"Wie geht es meinem Vater?", fragte Marta, die unfrisiert und mit einem Laken über dem Bauch im Krankenhausbett lag.

"Unverändert", log jemand. Jemand, der weder meine Frau noch Maria noch Francisco war, denn keiner von ihnen hätte es fertiggebracht, sie anzulügen.

Am letzten Nachmittag, den ich am Leben war, kamen meine Frau, Maria und Francisco, um nach mir zu sehen. Simão wollte mich während der gesamten Krankheit nicht besuchen. Es war Sonntag. Als Sterbender war ich von den anderen Patienten separiert. Ich versuchte zu atmen, undmein Atem war ein schweres, heiseres Röcheln, das den Raum erfüllte. Am Fußende des Bettes weinte meine Frau, tränenerstickt, schmerzverzerrt: Leid. Sie stieß wahllos Worte aus, begleitet von einem lang gezogenen Heulen, das lediglich unterbrochen wurde, wenn sie gierig nach Luft rang. Die Worte brannten in ihrem abgemagerten Körper, der mit einem ihrer Lieblingsröcke, einer Strickjacke und frisch geputzten Schuhen bekleidet war:

"Ah mein liebster Mann mein Freund der du mein bester Freund bist und ich bleib zurück ohne dich mein liebster Mann mein Gefährte mein teurer teurer Freund."

Maria weinte und versuchte die Mutter zu umarmen, sie zu trösten, denn beide fühlten in ihrer Brust dieselbe endgültige und schreckliche Leere, die auch ich gefühlt hätte, wenn ich eines Tages eine von ihnen verloren hätte. Francisco blickte aus dem Fenster. Er versuchte, nicht zu sehen. Versuchte, nicht zu wissen, was er wusste. Versuchte, ein Mann zu sein. Dann kam er ernst näher. In diesem ewigen und zugleich einzigen Augenblick strich er mir über das Gesicht und legte seine Hand auf die meine. Auf dem Nachttisch mit grauer Metallplatte entdeckte er ein Glas Wasser und ein Stäbchen mit einem Stück Watte an seinem Ende. Er befeuchtete das Wattestäbchen mit Wasser und legte es mir in den offenen, ausgetrockneten Mund. Mit aller Kraft, die mir noch geblieben war, biss ich darauf, und Francisco war erstaunt, zum letzten Mal meine Kraft zu spüren. Er legte das Stäbchen beiseite. Er sah mich an und begann ebenfalls zu weinen, denn er ertrug es nicht mehr. Maria nahm ihn in die Arme und sprach mit ihm wie damals, als er klein war:

"Hab keine Angst, mein Kleiner, wir werden dich nicht allein lassen. Wir werden uns um dich kümmern."

All meine Kraft. Ich nahm all meine Kraft zusammen und brachte nur einen schrecklichen Laut hervor, den Laut eines Sterbenden. Ich wollte Francisco und Maria sagen, dass auch ich sie niemals allein lassen würde, wollte ihnen sagen, dass ich ihr bester Freund bleiben, dass ich sie niemals im Stich lassen und für immer ihr Vater sein würde, mich immer um sie kümmern, sie immer beschützen würde. Ich nahm all meine Kraft zusammen und brachte dennoch nur einen schrecklichen Laut hervor, den Laut eines Sterbenden. Den Laut einer Stimme, die schon nicht mehr sprechen konnte, den Laut einer Stimme, die, auch wenn sie all ihre Kraft zusammennahm, nur ein heiseres Röcheln hervorbrachte, einen schrecklichen Laut, den Laut eines Sterbenden. Sie sahen mich an und weinten noch mehr, und in ihrer Brust fühlten sie die ganze schreckliche Leere, dunkel: tief: die tiefe Leere, die auch ich gefühlt hätte, wenn ich eines Tages einen von ihnen verloren hätte.

Friedhof der Klaviere
Roman / Novelle
ALS BUCH:
Hardcover mit Schutzumschlag

Lesebändchen

328 Seiten
Format: 125 x 195 mm
Auslieferung: ab 5. Juni 2017
D: 19,90 Euro A: 19,90 Euro CH: k. A.

ISBN (Print) 978-3-902711-67-0

ALS EBOOK:
Datenformat(e): epub
Auslieferung: ab 5. Juni 2017
D: 16,99 Euro A: 16,99 Euro CH: k. A.
ISBN (eBook) 978-3-903061-53-8
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