Montagsnächte

Belletristik

Kathrin Wildenberger

Montagsnächte

Wie können Menschen ein politisches System zum Einsturz bringen? Indem sie sich ihm mit ihren Körpern entgegenstellen. Montagsnächte ist der erste Teil der Wende-Trilogie der Leipziger Autorin Kathrin Wildenberger.

Verlagstexte

Selten waren Privates und Politisches enger miteinander verknüpft als im Herbst 1989: Die 18jährige Ania begegnet auf einem Friedensgebet in Leipzig ihrer ersten Liebe Bernd wieder.
Während beide erneut zueinander finden, ist Bernd als Fotograf zugleich Beobachter und treibende Kraft der Veränderungen.
Ania hingegen stürzen die neuen Verhältnisse in innere Konflikte, nicht zuletzt, weil ein politischer Riss auch mitten durch ihre Familie geht.
Kathrin Wildenberger zeichnet in Montagsnächte ein präzises, stimmungsvolles Bild der Wendezeit. Fest damit verwoben ist eine Geschichte über die Stärke von Träumen und die Mühen des Erwachsenwerdens in Zeiten politischer Umbrüche …

"Montagsnächte" macht den Auftakt zur Wendetrilogie und handelt im Jahr 1989, bis zum Tag des Mauerfalls. Der zweite Teil "ZwischenLand" wird zur Leipziger Buchmesse 2018 erscheinen und handelt im Jahr 1990, bis zum Tag der deutschen Einheit. Der dritte Teil wird 2019, zum dreißigjährigen Jahrestags des Mauerfalls, erscheinen. Die Handlung spielt ebenfalls 2019: Kathrin Wildenberger kehrt damit dreißig Jahre nach dem Mauerfall zu ihren Figuren zurück.

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© Cover: Verlag, Foto(s): privat

Presse- und Autorenstimmen

Die Aufrichtigkeit der Proteste auf den Straßen kann das junge Mädchen im Persönlichen nicht schaffen. Der erstaunlich gute Debütroman geht souverän mit diesem Konflikt um.

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Freie Presse Chemnitz

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So erzählt eine nur, wenn sie mit Haut und Haar und Sommersprossen in ihrer Heldin steckt ... Ein Gänsehautbuch.

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Leipziger Internet Zeitung

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Video

Textprobe(n)

Von außen ist sie grau wie alles in dieser Stadt. Aber hier, im Kirchenschiff, fällt Tageslicht auf den schwarz-weiß-gemusterten Steinfußboden, die hellen Holzbänke und in die Gesichter der Menschen, die sich auf den Sitzen, in den Gängen und Nischen drängen.

Seit die Glocken nicht mehr läuten, ist es still. Ich spüre meinen Magen, und mir fällt ein, dass ich schon seit Stunden nichts mehr gegessen habe. Wir mussten zum Zug rennen und standen eine halbe Ewigkeit in einem überfüllten Waggon, die Luft war zum Schneiden dick, und ich glaube, erst da wurde mir klar, dass ich nicht mehr zurück konnte. Am liebsten hätte ich die Notbremse gezogen, sie hing neben mir, aber dann sah ich Miriam an, sie lächelte und strahlte Zuversicht für uns beide aus. Trotzdem hoffte ich, dass wir zu spät wären, ich hoffte auf eine Woche Aufschub.

Wenigstens fühle ich mich hier in der Nikolaikirche sicherer als auf dem Platz draußen, wo sich vorhin immer mehr Menschen versammelten und neben mir einer dieser glatt gebügelten Stasi-Typen wartete. Er trug einen sandfarbenen Blouson und starrte mich dreist an. Ich tat so, als wäre er nicht da, aber mein Herz klopfte bis zum Hals.

Glücklicherweise war Magnus plötzlich da, Miriam umarmte ihn, sie unterhielten sich leise und mit ernsten Gesichtern. Er streckte mir seine schmale Hand entgegen, und als er mich anlachte, schimmerten seine Zähne wie Perlen im grauen Gestrüpp des Karl-Marx-Bartes. Vor ihm öffnete sich die Menge wie ein Reißverschluss, dann wurde die Kirchentür verschlossen.

Magnus’ behäbige Ruhe tut mir gut. Überhaupt scheint die Besonnenheit der Menschen hier ansteckend zu sein. Neben mir steht eine Frau mit einem Kind auf dem Arm. Die Kleine grinst mich an und verbirgt dann das Gesicht an der Schulter der Mutter. Am Kragen ihrer Jeans-Jacke steckt ein winziges Gorbatschow-Abzeichen. Ich beobachte, wie zwei Jungen mit grellrot gefärbten Haaren und Nietenjacken einer älteren Frau auf einen frei gewordenen Platz helfen.

Ein hagerer Mann mit schmalen Augen und streichholzkurzen Haaren klopft Magnus auf die Schulter und küsst Miriam auf die Wange. Er ist mindestens so groß wie Tom.

"Weißt du, wo Bernd ist?", fragt Miriam.

"Keine Ahnung. Wir haben ausgemacht, dass wir uns nach dem Gebet im Gemeinderaum treffen."

"Das ist übrigens Ania, meine Freundin. Maik, Bernds Mitbewohner."

"Hi", sagt Maik. Seine Hand ist angenehm kühl. "Ich würde euch gern bequemere Plätze besorgen, aber ihr seht ja … der helle Wahnsinn. Bis später." Er zwinkert Miriam zu, bevor er wieder in die Menge taucht, und ich denke an den Bernd, den ich kannte, den einzigen mit diesem Namen, den ich näher kannte, und in mir zieht sich alles zusammen.

"Es geht los", sagt Magnus.

Der Mann vor dem Altar trägt einen schwarzen Anzug und sieht aus, als wolle er eine Trauerrede halten.

"Das ist Christian Führer, der Pfarrer von St. Nikolai", erklärt Miriam mit gedämpfter Stimme.

"Warum steht er nicht auf der Kanzel?", frage ich.

"Er will auf einer Höhe mit seiner Gemeinde sein."

"Die heutige Andacht wird veranstaltet von der Gruppe 'Menschenrechte' mit Pfarrer Wonneberger", beginnt der Redner. "Der Wochenspruch dieser Woche: 1. Johannes 4, Vers 21: Dieses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder und seine Schwester liebe. Amen."

Wir klatschen, eine klare Frauenstimme erhebt sich, und die Kirche füllt sich mit Orgelklang und Stimmen. Miriam kennt den Text auswendig, Magnus' tiefe Stimme trägt den Chor. Er hält mir einen Textzettel hin, aber die Worte kommen nicht bei mir an. "Einsam bist du klein, aber gemeinsam werden wir Anwalt des Lebendigen sein."

Sieht so aus, als wäre ich die einzige, die den Kanon nicht kennt, außerdem fühle ich mich schon wieder beobachtet. Mein Blick bleibt an der rechten Empore hängen. Von der sandfarbenen Jacke ist nur der Kragen zu sehen. Der Mann scheint auch nicht mitzusingen und schaut tatsächlich in meine Richtung. Meine Hände werden feucht, ich wische sie an der Jeansjacke ab und versuche an etwas anderes zu denken. Die Christmette in unserer Dorfkirche. Es ist lange her, dass ich mit Mama dort war, und ich weiß nur noch, dass ich entsetzlich fror trotz Sitzkissen und Wolldecke, dass von den Kerzen heller Wachs tropfte und der Pfarrer von der Kanzel herab in einer Sprache aus längst vergangener Zeit predigte. Ich hörte kaum zu, dachte an die Geschenke, die zu Hause auf mich warteten, an den geschmückten Weihnachtsbaum, die wohlige Wärme.

Vorn am Pult steht jetzt ein schlanker Mann mit Brille. "Das ist Christoph Wonneberger, der Pfarrer der Lukaskirche", flüstert mir Miriam zu. "Ist alles okay mit dir? Du bist so blass."

"Alles bestens." Ich halte mich an ihrer Hand fest und hole tief Luft.

"Liebe Gemeinde! Mit Gewalt, sagte der Friseurgehilfe, das Rasiermesser an meiner Kehle, ist der Mensch nicht zu ändern. Mein Kopfnicken beweist ihm das Gegenteil."

Die Leute klatschen und lachen so laut, dass das Netz aus Stille endgültig in sich zusammenfällt.

"Mit Gewalt ist der Mensch durchaus zu ändern", fährt der Pfarrer fort. "Mit Gewalt lässt sich aus einem ganzen Menschen ein kaputter machen, aus einem freien ein gefangener, aus einem lebendigen ein toter …"

Ich schiele zur Empore. Der Mann im Blouson schaut an mir vorbei, und ich atme auf. Was kann er mir schon tun? Müsste er nicht eigentlich Angst vor mir, nein, vor uns haben? Ich werde ihm nicht mehr ausweichen und auch nicht der Kamera, die jemand von da oben auf mich gerichtet hat, ein schwarzes Objektiv, ein lebloses Auge. Ich will gar nicht wissen, wer es ist, der den Apparat hält. Ich lasse mich von denen nicht verrückt machen, was auch immer mit den Bildern passieren wird, wer auch immer sie sehen wird.

"Staatliche Gewalt muss sinnvoll begrenzt sein. Unser Land zum Beispiel ist nicht so reich, dass es sich einen so gigantischen Sicherheitsapparat leisten kann …"

Eine Welle der Begeisterung rollt durch die Kirche, die Leute hält es nicht mehr auf ihren Sitzen. Ich schaue zur Empore, kann den Mann im Blouson nicht mehr sehen, doch die Kamera ist noch immer auf mich gerichtet. Ich spüre wieder schmerzhaft meinen Magen und drücke Miriams Hand, sie scheint es nicht zu bemerken, so versunken ist sie in die Worte des Pfarrers.

"… die Verfassung eines Landes sollte so sein, dass sie die Verfassung des Bürgers nicht ruiniert …"

Magnus lacht auf, und Miriam schüttelt den Kopf, ihr Mund ist leicht geöffnet, und mir wird bewusst, dass ich die Wahrheit höre, dass hier jemand die passenden Worte findet und den Mut, sie auszusprechen. In diesem Moment weiß ich, dass ich hier richtig bin, was auch passieren mag. Ich schaue hinauf zur Empore, der Fotograf steht jetzt vorn an der Balustrade, noch immer die Kamera vorm Gesicht, er beugt den Kopf leicht zur Seite, der blonde Pferdeschwanz rutscht von seiner Schulter, er lässt den Fotoapparat sinken, es gibt keinen Zweifel mehr, und plötzlich überkommt mich ein Zittern, das in meinen Beinen anfängt und durch meinen Körper wandert.

"… da muss die Verfassung eben geändert werden."

"Wahnsinn", kommt Magnus’ Stimme wie aus weiter Ferne.

"Bernd!", Miriam fasst meinen Arm. "Da oben!"

Alles verliert Farbe und zerfließt, ich muss hier raus, aber es ist zu spät. Meine Beine geben nach, ich schüttele Miriams Hand ab, und schon treffen meine Hände auf den Boden, alles ist grau und wie gerastert, ich atme laut, in meinen Ohren rauscht es. Jemand greift meine Schultern, "Geht schon", sage ich und weiß nicht, ob ich geflüstert oder geschrien habe, jemand umfasst mich und zieht mich hoch, meine Beine wollen nicht, da trägt er mich, es ist Magnus. Seine Jacke riecht nach kaltem Rauch. Er setzt mich auf eine Bank und legt meine Beine hoch. Miriam hockt neben mir, ich lehne mich an ihre Schulter. Jemand hält mir einen Becher hin. Ich muss ihn mit beiden Händen festhalten, es ist warmer Früchtetee, ich trinke in kleinen Schlucken. Meine Stirn ist feucht, und mir ist so kalt, ich schließe die Augen.

"Geht’s, Ania?"

Ich kenne die Stimme, auch wenn ich sie lange nicht gehört habe, und ich nicke und öffne die Augen und kneife sie wieder zusammen und öffne sie und schaue noch immer in das gleiche Gesicht.

"Darf ich vorstellen? Bernd", sagt Miriam und legt die Hand in seinen Nacken, doch er schaut mich an, nur mich. Aus dem Pferdeschwanz haben sich einzelne Strähnen gelöst, er hat die Ärmel des Fleischerhemdes aufgekrempelt, die Kamera hängt um seinen Hals. Miriam streichelt seinen Nacken.

"Ich weiß", sage ich.

"Ihr kennt euch … das ist ja …" Sie schüttelt ungläubig den Kopf.

"Allerdings", sagt er und lächelt.

Ich kriege kein Wort mehr heraus.

"Ich kann dich zum Seitenausgang bringen, wenn du frische Luft brauchst", schlägt er vor. "Oder …" Er greift in die hintere Tasche seiner Jeans und hält mir einen zerdrückten Schoko-Riegel hin. "Vielleicht hilft das."

"Danke", murmele ich. Zu viel Blut steigt in meine Wangen, aber weggucken kann ich nicht. Ich sauge seinen Anblick in mich auf, sein schmales Gesicht und das Blau seiner Augen, die Fältchen in den Mundwinkeln, eine Narbe an seinem Kinn, die ich noch nicht kenne. Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, es ist noch nicht mal ein Jahr her, redeten wir kein Wort, und er schaute mir nur einmal in die Augen, es traf mich tief, ich ließ mich an diesem Abend zum ersten Mal mit Tom ein und konnte diesen Blick doch nicht vergessen, bis jetzt nicht. Die Schokolade ist warm von seinem Körper. Ich kaue langsam, während er Miriam etwas ins Ohr flüstert, ich kaue und kaue, und Schokolade und Nüsse ballen sich in meinem Mund zu einer zähen Masse.

 

Ein "Kyrie Eleison" schallt durch die Kirche, begleitet von der Orgel. Eine Säule versperrt mir die Sicht.

"Herr, wir bitten für …", sagt jemand und zählt Namen auf.

Bernd und Miriam stehen jetzt schräg vor mir, Schulter an Schulter. Ich knülle die Schokoladenverpackung in meiner Hand zusammen. Er legt den Arm um sie. Er küsst sie. Ich sehe ihn zum ersten Mal eine andere küssen. Ich sehe ihn zum ersten Mal meine Freundin küssen.

Der nächste Redner spricht davon, wie man sich verhalten sollte, wenn man festgenommen wird. Und wenn schon, denke ich, ist doch alles egal.

Egal. Egal. Egal.

Und wieder singen sie. Die Frau neben mir nimmt meine Hand und sieht mich auffordernd an. Ich schüttele den Kopf, obwohl ich das Lied kenne.

 

"Ania, du bist ja wieder so blass. Komm, wir gehen raus." Miriam legt ihre Hände auf meine Schultern. Hinter ihr steht Bernd. Ich weiß nicht, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist und beiße mir auf die Lippen. Mir steckt das Weinen im Hals, doch meine Beine tragen mich hinaus auf den Kirchplatz, der dunkel ist von Menschen. Wir laufen in die Menge hinein, sie singen die "Internationale", ich singe mit, meine Stimme kippt, dann löst sich der Knoten im Hals, und ich kann tief die frische Luft einatmen. Ich sehe keine Polizisten. Die Leute scheinen zu warten. Einige zünden Kerzen an.

"Vielleicht laufen sie heute wirklich los", sagt Miriam. "Willst du mitgehen?"

"Nein, ich fahre mit dir zurück."

Als sie Bernd umarmt, muss ich wegsehen. Ich betrachte die vergitterten Kirchenfenster, die mit Astern geschmückt sind, und die flackernden Kerzen darunter. Was würde ich dafür geben, jetzt allein sein zu können.

"Kommst du nächste Woche wieder, Ania?"

Meine Stimme klingt fremd, als ich "Ja" sage, und ich nehme sein Lächeln mit durch die dunkle Stadt.

Montagsnächte
Roman / Novelle
ALS BUCH:
Taschenbuch
290 Seiten
Format: k. A.
Auslieferung: ab 17. März 2017
D: 14,95 Euro A: k. A. CH: k. A.

ISBN (Print) 978-3-946086-18-5

ALS EBOOK:
Datenformat(e): epub
Auslieferung: ab Juli 2017
D: 4,99 Euro A: k. A. Euro CH: k. A. CHF
ISBN (eBook) 978-3-946086-18-5

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Jürgen Volk
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