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Handbuch des Erinnerns und Vergessens

Belletristik

Ragnar Helgi Ólafsson

Handbuch des Erinnerns und Vergessens

Aus dem Isländischen übertragen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer

Im Handbuch des Erinnerns und Vergessens fließen Humor und Philosophie, der Wunsch nach sprachlicher Schönheit und erzählerische Freude im ursprünglichen Geist zusammen.

Andere Titel des Verlags bzw. der Autorin/des Autors

Verlagstexte

Im Handbuch des Erinnerns und Vergessens fließen Humor und Philosophie, der Wunsch nach sprachlicher Schönheit und erzählerische Freude im ursprünglichen Geist zusammen.

Ganz gleich, ob die Geschichten vom Fluchtversuch eines Jungen vom Land erzählen, vom Streit in einer Eigentümergemeinschaft, von Atombomben oder Ingwer-Wurzeln, von der Korrespondenz eines Liebenden, der Nationalbibliothek Argentiniens oder den Straßen von Islands Hauptstadt Reykjavík, sie verblüffen mit Pointen und Erkenntnissen, reich an universalem Wissen und überbordender Vorstellungskraft.

Dies ist ein Buch, das der Leser nicht so leicht vergessen wird.

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© Cover: Verlag, Foto(s): Saga Sigurðardóttir, Lilja Birgisdotir

Presse- und Autorenstimmen

Surreal, leise melancholisch, humorvoll, schalkhaft und traumwandlerisch schön.

(

sätze&schätze, Birgit Böllinger

)

Textprobe(n)

Wir wissen Verschiedenes, was der Bauer und seine Frau auf Hóll nicht wussten. Einiges allerdings wussten sie, wir aber nicht. Anderes wussten wir alle, sie und wir. Zum Letztgenannten zählt Folgendes: Es geschah eines Tages, dass ein neues Jahr da war, und damit war dieses Jahr die Gegenwart, obwohl dessen Zahl dieselbe war wie diejenige, die Orwell knapp vierzig Jahre zuvor für die Zukunft ausgewählt hatte. In diesem Jahr wurde ein Junge aus Reykjavík aufs Land in den Süden Islands geschickt. Dem Ehepaar auf Hóll kam er ein wenig verschlossen vor, und vieles an seinem Benehmen war ihnen ein ziemliches Rätsel.

Als der Junge nach der ersten Nacht auf dem Land aufwachte, war es seine erste Tat, ohne ein Wort zu sagen von seinem Schlafzimmer aus, das am weitesten östlich im Haus gelegen war, den Flur entlang bis zur Haustür im Westen zu laufen. Dort legte er seine Stirn an das Glas und dann die Handflächen seitlich an seine Schläfen, um besser nach draußen sehen zu können. Das Ehepaar hatte keine Idee, was es mit dem, was der Junge da machte, auf sich hatte. Wahrscheinlich hätte es ihnen auch nicht geholfen, wenn sie gewusst hätten, was wir wissen; nämlich dass er von jetzt an jeden Morgen das Gleiche tun würde, egal wo er sich befand, die nächsten fünf Jahre.

Um dieses Benehmen verstehen zu können, hätte das Ehepaar über einige Informationen verfügen müssen, die ihnen nicht zugänglich waren. Sie wussten beispielsweise nicht, dass der Junge, wenn er damit rechnete, dass dort in der Nacht alle eingeschlafen waren, sich in das Zimmer vom Sohn des Ehepaars schlich (der in der Molkerei Flóamenn in Selfoss arbeitete und nicht zu Hause war). Unter dem Bett zog der Junge dann ein Buch hervor, das er bereits an seinem ersten Abend auf dem Land entdeckt hatte. Er war gerade dabei, sich nach einem Ball zu strecken, der ins Zimmer bis unter das Bett gerollt war, als er auf dem Buchrücken den Titel schillern sah: Sexfreuden - Der Genuss des Liebeslebens, erklärt in Wort und Bild (Örn und Örlygur, 1978). Erklärungen "... in Wort ..." riefen kein besonderes Interesse in ihm hervor, zumal es auch einige Zeit dauern würde, den Text zu lesen, und er den Umständen entsprechend so einen verbotenen Gegenstand kaum länger als für eine kurze Stunde entwenden konnte. Das "... und Bild" war da etwas anderes. Der Blick fängt ein Bild auf der Stelle ein. Er drückte ab, machte mit den Augen von jeder Doppelseite ein Foto nach dem anderen. Die Illustrationen waren elegante Bleistiftzeichnungen, koloriert mit zarten Wasserfarben.

Davon ahnten die Eheleute nichts. Zumal sie nicht einmal wussten, dass das Buch existierte. Sie wussten auch nicht, dass die Vorstellungskraft des Jungen im Nu eine vollkommene Befähigung zu dieser Art der Illustration erlangte. Von jetzt an benutzte seine Fantasie stets diesen Stil eleganter, mit zarten Wasserfarben kolorierter Bleistiftzeichnungen, wenn es darum ging, ein Bild von etwas Wichtigem aufzuzeichnen.

Sodann wissen wir genau, aber nicht das Ehepaar, welche Verbindung sich zwischen der Sitzung des Rundfunkrats am 14. März dieses Jahres und dem Jungen sowie dem Buch ergab. In dieser letzten Sitzung des Rundfunkrats vor Ostern wurde beschlossen, dass das Fernsehen sich in diesem Jahr keinen Sommerurlaub nehmen würde, sondern dass die Sendungen den ganzen Monat Juli über weiter laufen sollten. Dies blieb nicht unbemerkt. Im Protokoll sprach man von einem Entwicklungsschritt. Die Zeitungen berichteten darüber. Es hätte dies daher durchaus mitbekommen können, das Ehepaar auf Hóll. Etwas anderes hingegen erregte kaum Aufsehen, nämlich dass kurz vor Schluss derselben Sitzung, als nur noch zwei Sandkuchenscheiben auf dem Stahltablett mit den Holzgriffen, das mitten auf dem Sitzungstisch stand, übrig geblieben waren, dass da ein Sitzungsmitglied (das sich ereifert hatte) einen Vorschlag des Inhalts machte, auch an Donnerstagen Sendungen im Fernsehen stattfinden zu lassen. Dieser Vorschlag wurde mit allen Stimmen außer einer abgelehnt.

Genau vier Monate später war der Tag vor dem Tag, an dem der Junge nach Hóll geschickt wurde. Es war ein Donnerstag, und so wie die Stimmen im Rundfunkrat am 14. März desselben Jahres gefallen waren, gab es im Fernsehen nur das Testbild zu sehen. Deshalb hatte die Familie entschieden, an diesem letzten Abend des Jungen in Reykjavík zur Abwechslung ins Kino zu gehen.

Im Kinosaal am Álfabakki saßen sie im Dunkeln und sahen sich den Film Der Tag danach (The Day After, MGM, 1983) an, der auf realistische Weise das Schicksal der Erdbewohner nach dem Atomkrieg schildert, der für das Jahr 1984 in jedem Moment erwartet wurde. Das Ehepaar auf Hóll wusste also nicht, dass wir wussten, dass der Junge es wusste: Dass der Weltuntergang unmittelbar bevorstand.

Wir wissen auch, dass der Junge, wenn er die Stirn an die kalte Scheibe der Haustür legte, die Augen immer noch geschlossen hielt. Das Ehepaar auf Hóll beobachtete ihn von hinten, durch den Türspalt in der Küche am Ende des Flurs, und konnte daher nicht sehen, ob die Augen offen waren oder zu. Es konnte es demnach nicht wissen, ebenso wenig wie den Umstand, dass ein drohender Weltuntergang einem Jungen einen derartigen Mut verleihen kann, dass es ihm leichter fällt, mitten in der Nacht von Zimmer zu Zimmer hinter verbotenen Büchern herzuschleichen. Das wissen wir, das Ehepaar aber nicht.

Weder wir noch das Ehepaar auf Hóll wissen hingegen, was der Junge dort in der Nacht geträumt hat, bevor er an diesem ersten Morgen auf dem Land seine Stirn an das Glas presste. Wir sind Erzähler mit vollem Zugang zum wachen Geist, aber nicht zu den Träumen. Die Träume der Menschen bleiben uns verborgen, jedenfalls soweit die Menschen sich nicht im wachen Zustand an ihre Träume erinnern (und das war hier nicht der Fall). Andererseits wissen wir aber (dafür gibt es sachliche Beweise), dass sich im Bettzeug ein steif gewordener Fleck befand, so groß wie ein Handteller, den der Junge nicht bemerkte, zumal er noch nicht wusste, welcher Natur solche Flecken sind oder wie sie entstehen.

Damit ist das Wichtigste genannt, was das Ehepaar auf Hóll hätte wissen müssen, um das Verhalten des Jungen dort am Morgen verstehen zu können. Hätte es gewusst, was wir über die Sitzung des Rundfunkrats am 14. März 1984 wissen, über den Kinobesuch, der sich daraus ableitete, über das Buch Sexfreuden und über elegante, mit zarten Wasserfarben kolorierte Bleistiftzeichnungen, über die Schwierigkeiten des Jungen, so viel Reiz und Anregung in so kurzer Zeit zu verarbeiten, und wie dies alles in eins zusammenfloss, Der Tag danach, das Buch unter dem Bett und der erste Tag auf dem Land, dann hätten sie sein Benehmen möglicherweise ein wenig nachvollziehen können. Aber sie wussten das alles nicht und sahen ihn daher erstaunt an, wie er sich die Stirn an der kalten Scheibe rieb, bevor er die Augen öffnete.

Handbuch des Erinnerns und Vergessens
Roman / Novelle
ALS BUCH:
Hardcover mit Schutzumschlag
184 Seiten
Format: k. A.
Auslieferung: ab 15. Februar 2020
D: 22,00 Euro A: k. A. CH: k. A.

ISBN (Print) 978-3-946989-26-4

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