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Ich bin die Zukunft

Belletristik

Erwin Uhrmann

Ich bin die Zukunft

"An der Wasserstelle zog sich Mali aus und stieg hinein. Leitner sah sie an. Sie machte eine Kelle mit der Hand und spritzte sich das Wasser ins Gesicht und unter die Achseln. Dann deutete sie ihm zu kommen. Er zog sich nicht ganz aus und bemühte sich, seine dunkle Stelle auf der Haut zu verhüllen. Mali lachte. Du bist der vorletzte Mensch, sagte sie, oder der vorvorletzte. Es gibt nichts mehr, wofür man sich schämen müsste."

Verlagstexte

Ein Mann flüchtet in ein hoch gelegenes Berghaus in den Alpen. Niemand weiß, wohin Sebastian Leitner geht, als er nach einem Termin mit seinem Kreditsachbearbeiter den Entschluss fasst zu gehen. In dem Haus hoch in den Alpen quartiert er sich für einen Monat ein. Für die alte Bergwirtin ist er der einzige Gast. Aus dem einen Monat werden mehrere Jahre. Als die Hausbesitzerin stirbt, bricht der Kontakt zur Außenwelt ab. Während die karge Berglandschaft allmählich von Wiesen und Wäldern überwuchert wird und die Jahreszeiten sich in Sonnen- und Nasszeit ändern, breiten sich unten Wüsten aus und die Menschen verlieren Sicherheit und Schutz – die Welt geht zugrunde. Das Hochtal, in dem Leitner lebt, ist ein kleiner Garten Eden. Um zu überleben, züchtet er Tiere und baut Pflanzen an. Eines Tages taucht Mali, die Enkelin der alten Frau, mit ihrem edlen Freund Ludovigo im Berghaus auf.

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© Cover: Verlag, Foto(s): Christian Sageder, Illustration: Martin Schnur

Presse- und Autorenstimmen

"Ich bin die Zukunft" ist eine großartige apokalyptische Utopie, die beinhart realistisch wirkt und keineswegs irgendwelche Hirngespinste transportiert. Auch hat Uhrmann nie den Weg des Erzählens verlassen, die Geschichte fesselt von Anfang bis zum Ende. Ein fabelhaftes Buch.

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Rudolf Kraus, Bücherschau

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Uhrmanns Realismus ist knallhart, seine Dystopie, dieses Gegenteil der Utopie, ist von erschreckender Nüchternheit. Für die drei Davongekommenen gibt es nur noch ein Leben im Hier und Jetzt – und das wird täglich unerbittlicher. Genauso unerbittlich erzählt Uhrmann von diesem Zerfall, bei dem der Einzelne ganz auf sich selbst zurückgeworfen wird. Die Vorräte werden immer knapper, wie auch die Sprache, mit der Leitner das nahende Ende beschreibt. Und erstaunlicherweise wird die Geschichte immer spannender, je näher die letzte Seite rückt.

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Heilbronner Stimme

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Dass sein neuer Roman in die Katastrophe steuert, daran lässt Autor Erwin Uhrmann von Beginn an keinen Zweifel. Als Endzeitroman reiht sich "Ich bin die Zukunft" in ein Genre, das schon große Literatur hervorgebracht hat. Parallelen gibt es etwa zu Marlen Haushofers "Die Wand" (1963) oder Cormac McCarthys "Die Straße" (2006). Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied zu diesen postapokalyptischen Büchern: Uhrmann wagt sich an die Beschreibung jener Katastrophe, nach der viele andere Dystopien erst beginnen. Wie er das macht, ist spannend, trotz einer gewissen Theatralik glaubwürdig und richtig gut erzählt.

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Christina Walker, Wiener Zeitung

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Video

Textprobe(n)

An einem Sonntagabend im Juli begann Sebastian Leitner zu schweigen. Es geschah unvermittelt und sofort, nachdem er bei einem Streit mit seiner Frau Hanna geschrien und sein Kehlkopf, der schon seit Wochen entzündet gewesen war, ihn stechend geschmerzt hatte. Der Wind schlug in Böen gegen die Wände. Die Zweige der alten Ulme im Garten griffen ans Fenster. Es roch nach Regen.

Leitner setzte sich auf das sechsteilige Sofa, dessen Fußteil immer wegrutschte, wenn er sich eine Dokumentation ansah und die Beine im Liegen ausstreckte. Er richtete seinen Blick auf die Fotografie eines Waldes an der Wand. Hanna räumte im Schlafzimmer laut Gegenstände von einer Ecke in die andere, ließ Kisten und Deckel absichtlich fallen, donnerte Schuhe gegen die Wand.

Leitner hörte davon nichts, er vertiefte sich in den Wald. Was er sah, waren nicht Bäume, Gräser und Himmel, sondern längliche, runde, dünne, dicke, schmale und breite Formen. Es verging eine halbe Stunde, das Bild verformte sich, zwischen den länglichen Baumstämmen, Stielen, Gitterstäben, Büscheln und Flechten hindurch kam er in die dunkleren Regionen, die nicht mehr scharf wahrnehmbar sind. Jede zu offensichtliche Form rutschte eine Ebene hervor und er glitt eine weitere Ebene im Bild nach hinten. Der Wald öffnete sich und etwas, das ganz hinten im Bild war und üblicherweise für den Betrachter nicht sichtbar, übte eine soghafte Anziehung auf Leitner aus. Seine Augen wurden schmal, klein und fokussierten den hintersten Winkel des Bildes, alle sichtbaren Formen im Raum verschwammen, dann kam die Dunkelheit, die sich ins Nichts auflöste. Leitner blieb vor dem Bild sitzen, er versuchte seine Augen wieder auf jenen Punkt im Bild zu konzentrieren, wo ihm alles ins Nichts entglitten war. Seine Augen schmerzten und er griff sich an den Kopf. Als Hanna ihn rief, weil sie genug vom Schmollen hatte und wieder zur Tagesordnung übergehen wollte, gab Leitner keine Antwort. Er blieb sitzen und vielleicht hätte jemand, der ihn vom Boden aus betrachtete, sagen können, er lächle. Es war aber kein Lächeln, sondern nur der starre Blick auf die Fotografie eines Waldes.

Nach Mitternacht gingen sie tonlos zu Bett. Hanna hatte ihre Vorwürfe klar für sich formuliert und wollte zu einem Gespräch ansetzen, als sie sah, dass ihr Mann schon die Augen geschlossen hatte. Sie verstummte und grämte sich, legte sich auf ihre Seite und berührte mit einer Hand, die sie aus dem Bett fallen ließ, den kühlen Holzboden. Der Boden war in der sommerlichen Hitze die letzte verbliebene kühle Fläche.

Leitner verfiel, zum ersten Mal seit seiner Schulzeit, in einen tiefen Schlaf. Sein Körper wurde rasch kühl und er rührte sich nicht, ehe ihn Hanna am nächsten Morgen wachrüttelte. Er gab dabei keinen Laut von sich, hatte aber, seit er auf das Bild gestarrt hatte, den ersten richtigen Gedanken; er meinte, etwas habe ihn gestreift oder war ihm übergestülpt, oder etwas war ihm abhanden gekommen; Leitner beschloss, dass er dieses Gefühl, das er nicht beschreiben konnte, genoss; er ging wie auf Watte, jedes Geräusch näherte sich ihm langsamer. Er richtete sich im Bett auf und bildete sich ein zu spüren, wie der Schall einen halben Meter vor seinem Gesicht Halt machte.

Nachdem Hanna das Haus verlassen hatte, legte er sich auf das Sofa und schlief wieder ein. Er träumte von dem Haus, in dem er aufgewachsen war. Ein großes und verwinkeltes Haus mit zwei Stockwerken. Eine freitragende Treppe aus Kiefernholz führt direkt von der Eingangstür in den ersten Stock. Alle Zimmer sind entlang eines langen dunklen Ganges angeordnet. Am Ende des Ganges ist eine Speisekammer mit einer großen Doppelflügeltür. Oben hängen geräuchertes Fleisch und verschrumpelte Würste, in den Regalen in der Mitte sind die Süßigkeiten, Honig und Marmelade. Unten sind Putzmittel, Kübel, Flaschen, Kanister. Am Gang zwischen den Türen hängen schwer gerahmte Ölbilder, die Stillleben zeigen: ein Bild mit einem Hummer auf einem goldenen Tablett und einem Teller voll mit Austern, ein anderes mit einem Wiesenblumenstrauß und einem kantigen Hasenkopf, eines mit Lilien und ein kleines, auf dem ein ausgestopfter Pfau zu sehen ist. Neben dem Schlafzimmer der Eltern hängt ein Gemälde, das Leitner, wenn er allein zu Hause war, gerne ansah. Es zeigt einen See, in dem Baumstämme schwimmen. Er glaubte, das nasse, frische Holz riechen zu können.

Ich bin die Zukunft
Roman / Novelle
ALS BUCH:
Hardcover
176 Seiten
Format 130 x 210 mm
Auslieferung ab 5. April 2014
D: 18,90 Euro A: 18,90 Euro CH: 23,90 CHF

ISBN (Print) 978-3-99039-004-7

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