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Anders-Wo

Belletristik

Astrid Schmeda

Anders-Wo

Erzählungen von Neugier und Verunsicherung beim Reisen

Von Menschen, die reisen, die Anderes suchen als Karriere und Konsum. Im Ausland begegnen sie Fremdheit und Einsamkeit, Glück und Leichtigkeit und auch sich selbst. Jede Erzählung ist ein Miniatur-Roman über das Anderssein und die Suche nach dem Wohin.

Andere Titel des Verlags bzw. der Autorin/des Autors

Verlagstexte

"Anders-Wo" sind Geschichten vom Reisen. Keine Welt- oder Fernreisen, sondern sie gehen nach Spanien, Frankreich, Italien, Marokko, Israel, Österreich und in die Schweiz. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die versuchen, ein anderes Leben zu führen oder zu finden, die ausgestiegen sind aus dem Hauptstrom der Karriere- und Konsumsüchtigen und sich eine Existenz aufbauen, die ihnen Sinn gibt. Auf Reisen begegnen sie dem Fremdsein, der Einsamkeit, dem Glück des Unbeschwertseins, und sie sind konfrontiert mit sich selbst und ihrer eigenen Geschichte. Das Erleben von Ungewöhnlichem, die Auseinandersetzung mit anderen Lebensweisen rührt an die eigenen Themen.

Jede Erzählung ist ein sensibel geschriebener Miniatur-Roman über das Anderssein und das Wo oder Wohin, also die Sehnsucht.

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© Cover: Verlag, Fotos(s): Verlag

Textprobe(n)

Nacht in Florenz

Das Taxi kam pünktlich am Bahnhof an. Noch fünfzehn Minuten Zeit. Die Fahrkarte hatte sie in der Handtasche, mit Bettplatz im Dreier-Abteil Damen. Das italienische Geld reichte noch für den Taxifahrer. Draußen war es schon dunkel. Grazie, den schweren Koffer, Fototasche, Handtasche, den Beutel mit den Geschenken, Arrivederci.

Charlotte eilte über den Gehweg, ohne Passanten anzusehen, schnell hinein in den hell erleuchteten Bahnhof. Jetzt die Übersicht mit den Abfahrtszeiten, welches Gleis, gleich würde sie im Zug sitzen. In der Halle vor den Gleisen liefen viele Menschen hin und her, wie immer, und gleichzeitig bemerkte Charlotte die Veränderung sofort. Der Bahnhof war in eine seltsame Ruhe getaucht, trotz der Menschen. Charlotte verstand nicht, was das bedeutete. Sie blieb mitten in der Halle stehen, schaute sich um. Es waren gar keine Züge da, seltsam, solch einen Moment hatte sie noch nie erlebt, in dem gerade alle Züge abgefahren waren. Aber sicher würden gleich die nächsten eintreffen, und all das Zischen und Quietschen und die Stimmen der Ansagerinnen würden die Halle wie gewohnt beleben. Über der Anzeigentafel blinkten Lichter, ein Zug von Florenz in einen unbekannten Ort leuchtete auf und verlosch.

Charlotte sah wieder auf die Gleise. In den letzten beiden Reihen standen jeweils die Lokomotiven, ohne Wagen. Auf den Bahnsteigen war alles still, keine wartenden Menschen, kein Zug traf ein. Junge Italiener liefen in Reihen nebeneinander eilig in den Bahnhof und am Ende wieder hinaus. Reisende kamen mit Koffern auf Rollen. Die Schalter waren geschlossen. Eine Schulklasse lärmte, die Kinder warfen ihre Rucksäcke in die Luft und übten sich darin, sie wieder aufzufangen. Kein Bahnbeamter war zu sehen, keine Aufsicht. Charlotte stand erstarrt.

Zwanzig Uhr neun sollte ihr Zug fahren, die große Uhr über dem Eingang zeigte Punkt acht. Sie nahm ihren Koffer auf und ging langsam in Richtung der Schalter, wo Gruppen von Reisenden beisammen standen und aufgeregt diskutierten. Zwei ältere Herren sahen vertrauensvoll aus, sie waren gut gekleidet, in langen Mänteln, das graue Haar locker verweht. Zwei Professoren wohl, dachte Charlotte und stellte sich daneben, sie sprachen deutsch.

Jetzt erleben wir am eigenen Leibe, sagte der eine, die Macht des Proletariats! Er lachte.

Der andere schmunzelte genüsslich: Nun wird es ja interessant.

Was meinten sie, was sollte daran interessant sein?

Charlotte hörte hinter sich einen jungen Mann in schwäbischer Mundart sagen: Mitten auf dem Feld haben sie angehalten, aus!

Charlotte schaute ihn fragend an.

Streik!

Alle Räder stehen still... zitierte der Professor.

Charlotte wandte sich ab. Keine Faser in ihr war auf Seiten der Streikenden, sie wollte nach Hause.

Sie hatten alles genau ausgerechnet. Morgen früh um 9 Uhr 32 würden Benno und Anna am Bahnhof auf sie warten. Anna!

"Der Zug Bologna – Modena – Verona – Bolzano – Brennero ist abgeschafft worden!" höhnte eine Stimme durch den Laut-sprecher.

Charlotte fuhr herum. Waren sie denn alle verrückt geworden?

Auch die deutschen Züge?

Vielleicht kommt noch einer um zehn, sagte der junge Mann.

Also, um zehn. Sie würde zu Hause anrufen. Zwei Stunden warten. Für ein Abendessen reichte das Geld nicht. Sie besaß zweitausend Lire und vierzig Mark für die Heimfahrt.

Sie schleppte Koffer und Taschen zu den Toiletten. Die Klofrau nahm ihr vierhundert Lire ab, Charlotte sah sie feindselig an. Sie suchte eine Telefonzelle, zumindest besaß sie noch eine Telefonkarte. Aber es war nur der Anrufbeantworter dran. Sie musste aufpassen, mit fester Stimme zu sprechen. Alle Räder stehen still, sagte sie. Sie streiken!

Mehr brachte sie nicht über die Lippen.

Wider Willen schlich sie sich in den Wartesaal, der überfüllt war. Sie setzte sich in die mittlere Reihe neben ein Pärchen. Also bis zehn Uhr. Das Paar sprach Englisch. Die Frau lehnte sich, auf den Koffern sitzend, an seine Knie. Ihnen konnte es egal sein. Charlotte war völlig abgeschnitten. Sie setzte sich auf die äußerste Kante des Sitzes, den Koffer zwischen den Beinen, die Taschen auf dem Schoß. Hier konnte nicht geweint werden, das tat hier niemand, warum auch?

Anders-Wo
Erzählung(en)
ALS BUCH:
Broschur
248 Seiten
Format: k. A.
Auslieferung: k. A.
D: 16,90 Euro; A: k. A. CH: k. A.

ISBN (Print) 978-3-943446-23-4

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Pressekontakt des Verlages:

Gerhard Stange
+33 (0)490 745173
contra-bass(at)orange.fr

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