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Der Kummer

Belletristik

Lionel Duroy

Der Kummer

Aus dem Franzöischen übersetzt von Gerd Stange

Es beginnt 1944 mit der prächtigen Heirat der Eltern. Die 10 Kinder erleben den Abstieg ins Nichts. Der Kummer sitzt tief. Der Autor zeigt die politische Entwicklung Frankreichs von der Kollaboration über den Algerienkrieg bis 2010. Als Journalist für Libération bemüht er sich um die Bewältigung kolonialer Unterdrückung. Der Kummer ist autobiografisch geprägt und von dem Dutzend Romanen, die Lionel Duroy geschrieben hat (von denen auch mehrere verfilmt wurden), sein erfolgreichstes Buch. Der Roman ist vielfach preisgekrönt.

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Verlagstexte

Lionel Duroys autobiografischer Roman beginnt mit der Besatzung der Deutschen in Frankreich im Zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit heirateten die Eltern. Der Vater hatte außer dem adligen Namen weder Beruf noch Vermögen, die Mutter aber wollte ein Leben in den besseren Kreisen. Lionel, im Roman William, ist das vierte von 10 Geschwistern, und alle erleben sie den Abstieg einer Familie in der Nachkriegszeit, die aus den Luftschlössern, die der Vater seiner Frau versucht zu erschaffen, ins Nichts stürzt. Zugleich mit der atemberaubenden Geschichte dieser Familie erhalten wir einen Blick auf die politische Entwicklung Frankreichs vom Algerienkrieg bis zum Mai 68 und darüber hinaus bis 2010. William folgt bis zum Erwachsenwerden der Perspektive der Eltern, die auf Seiten Pétains und gegen die Résistance waren, auf Seiten der putschenden Generäle gegen De Gaulle, und die im Mai 68 aus Angst vor einer bolschewistischen Regierung nach Australien auswandern wollten. Langsam erfolgt das Erwachen des jungen Mannes, der die Welt nicht kennt und entdecken muss, dass sich der Kummer seiner Kindheit in sein erwachsenes Leben und seine Liebesbeziehungen frisst.

Als Journalist bemüht er sich um die Aufarbeitung der Kollaboration und die Bewältigung der kolonialen Unterdrückung, reist in Krisengebiete wie den Balkankrieg und wird dort immer wieder mit seinem eigenen Kummer konfrontiert.

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© Cover: Verlag, Foto(s): Edition Juillard

Presse- und Autorenstimmen

Von der Besetzung über den Algerienkrieg und Mai 68 bis in unsere Tage, von den schicken Avenuen bis zu den Wohnblocks in Rueil zeichnet Lionel Duroy den chaotischen Lebensweg eines Kindes und später eines Mannes nach, der in die Falle einer dem Unglück geweihten Familienodyssee geraten ist. Ein ergreifender Roman, der die französischen Denkungsarten der letzten fünfzig Jahre durchsucht. Lionel Duroy, lange Zeit Journalist für Libération und L'Evènement du Jeudi, ist Autor von einem dutzend Romanen, darunter "Betet für uns", "Drei Paare auf der Suche nach einem Gewitter", "Hinreißende Männer" und "Das Turiner Heft". Mit jedem weiteren Buch befragt Lionel Duroy weiter das Intime. Um durch die Art, eine persönliche Geschichte in Worte zu fassen, die Essenz seines Blickes auf das Leben zu erzielen, ungeschminkt. Meisterhaft!

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Philippe-Jean Catinchi, Le Monde

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Textprobe(n)

Der Ursprung meiner Ankunft auf der Welt, der Ankunft von uns elf Kindern auf dieser Welt, liegt in der Liebe, die sich unsere Eltern erklärt haben. Alle Schmerzen, die sie sich in der Folge zugefügt haben, alle Schrecken, deren Zeugen wir geworden sind, können die innigen Worte nicht auswischen, die sie sich im Winter 1944 gesagt haben.

Sie haben einander so sehr gewollt, erwartet und ersehnt, dass sie sich in den Wochen nach ihrer Heirat mitten am Nachmittag leidenschaftlich lieben. Mir kommt diese Szene in den Sinn, die mir Onkel Armand, der jüngere Bruder meiner Mutter, berichtet hat: Als er versehentlich eine Tür öffnet, entdeckt er sie halbnackt, ihre Körper ineinander verschlungen, sie sind außer Atem und verlegen, dreiundzwanzig und vierundzwanzig Jahre alt. Damals hat Mama nur einen Vorwurf, den sie Papa macht, eher ist es ein Bedauern: Sie findet ihn ein wenig zu klein im Vergleich zu den beiden Männern aus ihrem Leben, ihrem Vater und ihrem Bruder. Während Papa sich überhaupt nicht zu beklagen hat; es heißt, dass man sich auf der Straße nach Mama ihrer Schönheit wegen umdreht.

Beim näheren Hinschauen scheint mir jedoch, dass Papa mit vielen anderen Handikaps in diese Ehe kommt als nur seinem kleinen Wuchs. Ich will von seiner Familie erzählen, diesen Dunoyer de Pranassac, die Mama das ganze Leben lang mit ihrem Hass und ihrer Verachtung verfolgen wird. Was weiß sie oder denkt sie von ihnen am Vorabend ihrer Hochzeit? Viel bestimmt nicht, im Vergleich zu dem, was danach ihr Ressentiment geschürt hat, denn ich kann mir vorstellen, dass sie sonst nicht diesen jugendlichen Appetit auf ihren jungen Gatten gehabt hätte.

Théophile Dunoyer de Pranassac, mein Vater, kommt am 25. Februar 1920 auf dem Familienschloss von Formont in Ambarès (Gironde) zur Welt. Er ist der Sohn von Henri Dunoyer de Pranassac, pensionierter Hauptmann der Kavallerie, damals vierundfünfzig Jahre alt, und von Alix Dunoyer de Pranassac, zweiunddreißig Jahre und ohne Beruf. Sie haben beide denselben Namen, sie sind Cousin und Cousine ersten Grades, was Mama später dazu bringen wird zu sagen, dass sie in eine "Familie von Degenerierten" gekommen ist. Alix und Henri bekommen danach kein weiteres Kind als diesen Théophile, genannt Toto, und ziehen ziemlich bald um in ein bescheidenes Haus, Nummer 30 in der Rue de Caudéran in einem Vorort von Bordeaux.

Als Toto Mama begegnet, lebt er allein mit seiner Mutter und einer ihrer Schwestern, seiner Tante Elisabeth, die niemals geheiratet hat. Sein Vater, der Hauptmann, ist 1936 gestorben. Hager, die Haare mit Pomade nach hinten gekämmt, wie man sie zu der Zeit trug, ist Papa 1944 hinreißend schön, und beim Betrachten seines Portraits begreife ich, dass Mama sich von ihm hat verführen lassen.

Suzanne Verbois, meine Mutter, kommt am 30. Januar 1921 zur Welt, Rue de Fondaudège, mitten im Zentrum von Bordeaux. Sie ist die Tochter von Henri Verbois, Rum- und Spirituosenhändler, damals fünfundzwanzig Jahre alt, und von Simone Mauvinié, dreiundzwanzig Jahre, ohne Beruf.

Wie können wir herausfinden, was Mamas Eltern denken, als Papas Name zum ersten Mal in der Rue de Fondaudège ausgesprochen wird? Sicher ist, dass die Dunoyer de Pranassac für die Verbois keine Unbekannten sind. Ein großer Wein trägt diesen Namen. In der Nachbarschaft von La Brède steht immer noch das Schloss von Pranassac, das früher der Familie gehörte. Man erzählt sich, dass ein Dunoyer de Pranassac genau wie Montesquieu Präsident des obersten Gerichts von Bordeaux gewesen sei. Es ist ein wichtiger Name, den viele Einwohner Bordeaux' kennen. Und dann müssen sich die beiden Henri im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts begegnet sein. Auch wenn sie eine Generation auseinander sind, haben sie beide 14-18 mutig mitgekämpft. Oberleutnant Henri Verbois hat den halben Fuß verloren, während der andere, der alte Hauptmann, durch Giftgas geschädigt dauerhaft verletzt zurückgekehrt ist. Sie haben das Kriegsverdienstkreuz erhalten und sind zu Rittern der Ehrenlegion ernannt worden, wie kann man da noch zweifeln, dass sie an einem 14. Juli oder 11. November in strammer Haltung auf dem Platz der Esplanade des Qinconces zusammengetroffen sind?

Ja, ich glaube, Henri Verbois kennt Henri Dunoyer de Pranassac, zumindest vom Sehen. Ihr Leben lang wird Mama uns immer wieder sagen, dass ihr Vater als Infanterist heldenhafter war als der von Papa, denn es ist viel mutiger, wird sie sagen, den Feind zu Fuß anzugreifen als zu Pferd. Ich vermute, dass dies schon sehr früh, vielleicht zum Zeitpunkt der Verlobung, von ihrem Vater suggeriert wurde. Die Infanteristen sagen nämlich von den Kavalleristen, dass sie "mit dem Säbel schlurfen", und Mama nutzte diesen Ausdruck maßlos aus, um ihren Schwiegervater zu bezeichnen.

Irgendetwas sagt mir auch, dass Henri und Simone Verbois genau Bescheid wissen in Bezug auf die Vetternehe zwischen Théophiles Eltern. Vielleicht hören sie davon, als sie "Erkundigungen einziehen", wie das vor einer Verlobung üblich ist. Dergestalt dass sie insgeheim das Für und Wider abwägen. Einerseits ist Théophile "ein Kind von Alten" (Mama wird uns immer wieder daran erinnern) und die Frucht einer Ehe zwischen gefährlich Blutsverwandten, aus der überhaupt keine Erbschaft zu erwarten ist, denn die letzten Wertgegenstände wurden in den dreißiger Jahren verkauft. Andererseits scheint er nicht dumm, ist außerordentlich wohlerzogen, ein guter Redner, hat Abitur und sogar einen Bachelor in Jura, während die beiden Verbois-Kinder Suzanne und Armand das Abitur fallen lassen mussten.

Wie viel Gewicht mag der Adelstitel mit dem glanzvollen Namen, den Théophile trägt, für die Einwilligung haben, die Suzannes Eltern schließlich geben? Wenn ich dem Stolz traue, den Mama daraus gezogen hat, neige ich zu der Annahme, dass er zu der Entscheidung beigetragen hat. Selbst in der größten Finsternis unseres Schiffbruchs hat Mama niemals verzichtet, auf ihr Adelsprädikat Bezug zu nehmen, und sie achtete immer darauf, auf ihren Visitenkarten zu erwähnen, dass sie Baronin sei. Lange Zeit stand es als Abkürzung auf der Karte: "Bon & Bonne Dunoyer de Pranassac", bis meinen Brüdern und mir auffiel, dass das "Bonbonne Dunoyer de Pranassac" ergab. Mama, die das nicht gemerkt hatte, ließ sich also neue Karten mit dem vollständigen Titel machen. Dennoch war sie Gefangene ihres Hasses auf die Schwiegerfamilie und stand nie richtig zu ihrem Stolz, adlig zu sein. "Dieser Baron-Titel", sagte sie, "ist überhaupt nichts, er ist lächerlich. Graf oder Vizegraf, nun gut, da will ich nichts sagen, aber Baron, das ist grotesk ..."

Am Samstag den 17. Juni 1944 heiraten Suzanne und Théophile in der Kirche Notre-Dame-du-Salut in Caudéran. Es ist eine große Hochzeit mit einem Gefolge von weißgekleideten Kindern, um die Schleppe der Braut zu halten, der Toccata von Bach und einem Fotografen, der die Feierlichkeit unsterblich machen soll.

Der Kummer
Roman / Novelle
ALS BUCH:
Softcover
592 Seiten
Format: 140 x 220 mm
Auslieferung ab Februar 2015
D: 19,90 Euro A: 19,90 Euro CH: auf Anfrage

ISBN 978-3-943446-16-6

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