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Der geheime Text

Belletristik

Terézia Mora

Der geheime Text

Stefan Zweig Poetikvorlesungen

In ihren Vorlesungen zeichnet Terézia Mora ihren Weg von einer Sprache in die andere Sprache nach und beschäftigt sich mit den sichtbaren und unsichtbaren Spuren des Ungarischen in ihren Büchern, aber auch mit den Einflüssen anderer literarischer Texte, denn Literatur wird aus anderer Literatur gemacht. Auf eindrückliche Weise vermittelt ihr Text aber auch die Transformation von Lebensgeschichten in Literatur.

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Verlagstexte

Der Titel der drei Vorlesungen spielt auf Terézia Moras Aussage an, beim Text der Protagonistin Flora aus ihrem Roman "Das Ungeheuer" (2013) handle es sich um einen "geheimen Text", den sie deswegen auch nie öffentlich vorliest.

Abgesehen von diesem kleinen Spiel sind die Texte, die unter und hinter Moras Texten stehen, durchaus nicht geheim. Ihren Sprachwechsel markiert das Schreiben ihres ersten Erzählbandes "Seltsame Materie" (1999). In den Vorlesungen zeichnet sie ihren Weg von einer Sprache in die andere Sprache nach und beschäftigt sich mit den sichtbaren und unsichtbaren Spuren des Ungarischen in ihren Büchern, aber auch mit den Einflüssen anderer literarischer Texte, denn Literatur wird aus anderer Literatur gemacht. Auf eindrückliche Weise vermittelt ihr Text aber auch die Transformation von Lebensgeschichten in Literatur.

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© Cover: Verlag, Foto(s): Peter von Felbert

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Schreiben beginnt (wie Sprechen) mit der Beobachtung der Sprache, deiner eigenen und der der anderen, und dabei wird der Ort, von dem du herstammst bzw. in dem du einen maßgeblichen Teil deiner frühen Jugend verbracht hast, immer eine wesentliche Rolle spielen.

Ich wuchs als Mitglied einer deutschsprachigen Minderheit in Ungarn auf. Mit zwei Sprachen aufzuwachsen heißt, von Anfang an in der Übertragung zu leben. Mein Großvater sagt Zeit seines Lebens wichtige Sachen stets sowohl auf Deutsch (seine Muttersprache) als auch auf Ungarisch (die Landessprache), sicher ist sicher – und zwar sowohl, wenn die Adressaten beide Sprachen verstehen, als auch, wenn sie nur eine davon verstehen; in beiden Fällen ist die Wiederholung überflüssig. Und ich? Mache es heute mit meiner Tochter genauso, allerdings seltener, um sicher zu gehen, dass sie es verstanden hat, eher um sie – jedes Mal mit Freuden – darauf hinzuweisen, wenn es irgendwo eine vollständige Übereinstimmung gibt oder aber eine kleine oder große Abweichung. Manchmal in der Bedeutung, manchmal nur im Klang, aber dass auch das zählt. "Schmetterling" erzeugt ein anderes Geräusch als "pillangó". Und wie ungenau "Fáj a lábam" ist! Tut dir nun der Fuß weh oder das Bein und welcher Teil davon? Der ungarische Satz gibt darüber keine genaue Auskunft.

Die Nuancen lassen sich um so besser herausstellen, je ähnlicher sich zwei Sprachen benutzen lassen. Das Ungarische und das Deutsche lassen sich trotz struktureller Unterschiede – indogermanische, flektierende bzw. finnougrische, agglutinierende Sprache – sehr häufig ähnlich benutzen. Sie stehen sich kulturell nahe. Spätestens seit dem 9. Jahrhundert, der Landnahme der Ungarn im Karpatenbecken, ist ständiger Kontakt da. Ebenso, natürlich, mit den im Gebiet siedelnden Slawen und Turkvölkern, aber was die Bildungswörter und internationalen Wanderwörter anbelangt, kamen diese hauptsächlich durch die Vermittlung des Deutschen ins Ungarische.

Was nun meine Familie anbelangt, waren wir mit Sicherheit die letzten 400 Jahre dabei. Mein Urgroßvater hieß mit Nachnamen Sumalowitsch, seine Vorfahren werden also, wie die Mehrheit der Burgenlandkroaten, während der Türkenkriege aus Dalmatien eingewandert sein. Da der Ort, in dem sie sich niederließen, zwar seit mindestens dem 12. Jahrhundert zur ungarischen Krone gehörte, aber zu 90 % von Deutschsprachigen bewohnt war, assimilierten sie sich innerhalb von zwei Generationen und wurden ebenfalls deutschsprachig. Selbst als 1921 das Dorf endgültig zu Ungarn kam, blieb es deutschsprachig und hatte nur eine deutschsprachige Schule. Erst der Zweite Weltkrieg, die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung und die Errichtung des Eisernen Vorhangs haben dazu geführt, dass Mitte der 1950er Jahre meine Mutter als erste in der Familie ungarisch schon im Kindergartenalter erlernte. Die erste in der Familie, die es fehlerlos kann. Ich bin die zweite und eventuell letzte.

Wie Sprachen kommen und gehen. Wie sich das Ungarische für hundert Jahre zu einer Familie gesellt, bevor es sie wieder verlässt. Wir gehen durch die Welt, aber noch mehr geht die Welt durch uns hindurch. So lange ich zurückdenken kann, beobachte ich fasziniert diese Prozesse. Wie sich individuelle Sprache entwickelt und wie sich die Sprache von Gemeinschaften verändert. Die immer wiederkehrenden Perioden des Verfalls. Wortlos werden angesichts von Krisen, an Übergängen. Immer aufs Neue die Sprachregelung finden.

Der geheime Text
Essayistik
ALS BUCH:
Broschur
112 Seiten
Format: 125 mm x 200 mm
Auslieferung: ab August 2016
D: 15,00 Euro A: 15,00 Euro CH: k. A.

ISBN (Print) 978-3-85449-451-5

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Pressekontakt des Verlages:

Dieter Bandhauer
+43 (0)1 5868070
verlag(at)sonderzahl.at

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