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Berge

Belletristik

Jan Kjærstad

Berge

Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel

An einem Augusttag 2008 werden der Abgeordnete der Arbeiterpartei, Arve Storefjeld, und vier weitere Mitglieder seiner Familie tot in einer Hütte am Blankvann-See aufgefunden. Allen fünf Opfern wurden die Kehlen durchgeschnitten. Ganz Norwegen steht still. Auch die übrige Welt blickt in der Zeit danach auf das Land im Norden. Das, wovon niemand geglaubt hätte, dass es im idyllischen Norwegen geschehen könnte – jetzt ist es geschehen.

Verlagstexte

Nach einer schrecklichen Mordserie erfährt die Karriere der Journalistin Ine Wang einen plötzlichen Aufschwung. Ihre Biografie über Arve Storefjeld, eine zentrale Figur der norwegischen Arbeiterpartei, steht in den Startlöchern, doch nun wurde der bekannte und bei der Bevölkerung beliebte Politiker, zusammen mit vier Familienmitgliedern, tot in einer Hütte im Wald aufgefunden. Schockiert über die Ereignisse, gelingt es Ine Wang dennoch nicht ganz, ein gewisses Hochgefühl über ihr unvermutetes Comeback zu verleugnen. Eine ähnliche Stimmung macht sich auch im Verlag breit, es herrscht Betroffenheit über die "Terror-Anschläge", genau wie im ganzen Land, doch währenddessen werden bereits Pläne geschmiedet, wie sich das Buch am besten vermarkten lässt.

Selbst im medialen Rampenlicht stehend, beschließt die Journalistin, ein Porträt für ein Zeitungsmagazin zu schreiben: über Nicolai Berge, einen gescheiterten Schriftsteller und Blogger, ehemaliges Mitglied der Jugendorganisation der Arbeiterpartei und früherer Geliebter eines der Opfer.

Nach den Interviews, die sie mit Berge führt, wird sich Ine Wang der Tatsache bewusst, dass dieser Mann mehr ist als nur ein Ex-Geliebter und dass er definitiv mehr über die Vorfälle weiß, als er zu erzählen bereit ist.

Downloads

© Cover: Verlag, Foto(s): k. A., Bjørn Erik Pedersen

Presse- und Autorenstimmen

Ein anstachelnder, stimulierender Roman.

(

Ingunn Økland, Aftenposten

)

Kjærstad hat einen seiner besten Romane geschrieben.

(

NRK (Norwegisches Fernsehen)

)

Im Laufe der Jahre hat sich Kjærstad Formen erschrieben, in denen die unterschiedlichsten Themen und Stilebenen wie Zahnräder ineinandergreifen.

(

Jan Bürger, Literaturen

)

Textprobe(n)

Es sollte sich als ein Verbrechen herausstellen, das jedes Begriffsvermögen überstieg. Ein Wanderer hatte bei der Zeitung angerufen. Mehrere Menschen lagen ermordet in einer Hütte irgendwo tief in den Wäldern der Nordmarka. Abgeschlachtet, wie der Hinweisgeber sagte. Auf bestialische Weise. Unter den Toten befanden sich angeblich berühmte Personen. Sehr berühmte.

Terror, durchfährt es mich. Schließlich ist er auch hier angelangt.

Ich stehe da, das Handy in der Hand. Zittere. Sollte dies trotz allem mein Glückstag werden?

Der Gedanke lässt mich zusammenzucken, ich will ihn aufhalten, aber der Gedanke lässt sich nicht aufhalten, ich spüre einen Kick, denn ich bin an einem Tiefpunkt angelangt, nicht nur in meinem Leben, sondern auch hier, gestrandet auf einer Insel. Die längste Zeit schon bin ich mir fehl am Platz vorgekommen, herausgeputzt, verschwitzt, wie ich hier stehe und junge Paare nur in Unterwäsche am Strand herumlaufen sehe, der Party zusehe, die bereits auszuarten beginnt, ich lese mir die lange Textnachricht erneut durch, wie zur Bestätigung, dass ich mich nicht verlesen habe, und lasse das Handy zurück in die Tasche gleiten, wie eine Waffe ins Holster, denke ich, während Marie mir zuwinkt, mir deutet, ich solle herunterkommen, mich auf die Decke setzen, sie schneidet lustige Grimassen, ich lächle, gebe ihr mit einem Zeichen zu verstehen, dass es mir gut geht an meinem Platz hier, hebe das Glas, wobei ich gleichzeitig eine verächtliche Fratze verberge, weil ich schon bereue, dass ich so dämlich sein konnte, diese Hochzeitseinladung anzunehmen, ausgerechnet auf Hovedøya, ein Brautpaar in Weiß, die Gäste in Weiß, auch ich in Weiß, wie es die Einladung verlangte, und sie hatten Glück, bei dem Wetter an diesem Tag Ende August sehnte man sich nach einem Sonnenschirm, und alles war so unerträglich romantisch, die Trauung in den Klosterruinen mit allem Drum und Dran, das Wort Gottes und das Vogelgezwitscher und die Freudentränen, eine hippe, wahrscheinlich lesbische Pfarrerin, große, viel zu große Worte über die Liebe, das Größte von allem, und lauter solches Geschwätz, eine endlose Suada, wenn auch ein bisschen ergreifend, das Ganze hatte etwas von einem keltischen Ritual, ein Hauch von Tolkien mit den hohen Laubbäumen rundherum, der Schar weißgekleideter Menschen zwischen all dem schimmernden Grün, Gedichtvorträge, Küssen, ungehemmtes Küssen, Champagner in Plastikgläsern, in rauen Mengen Champagner, auch die Pfarrerin trank gierig, ich stand inmitten lautstarker Gespräche, die dadurch, dass sie ineinander übergingen, nur noch sinnloser wurden. Skål auf das Brautpaar, grölte ich, nur um mitzumachen, die Leute fingen schon an, über die Steinstufen der Ruinen zu stolpern, brüllten vor Lachen, ich hätte nie herkommen sollen, Marie war eine viel jüngere Kollegin bei der Zeitung, ermordet, obendrein schwanger, wie sie mir gestanden hatte, auf bestialische Weise, ich fühlte mich wie ein altes Weib unter Maries gleichaltrigen Freunden, Glückspilze, scheiß doch auf die, und alles war so bemüht informell und improvisiert und ausgelassen, Hippies im Jahr 2008, vierzig Jahre zu spät, keine Rede natürlich von einem förmlichen Hochzeitsmahl, sondern es wurde ein Picknick veranstaltet, viele Tote, man hatte Decken und Körbe mitgebracht, besetzte die Wiese hinab zum nördlichsten Strand, den, der auf Lindøya hinausging, und es wurden Garnelen kredenzt, Weißbrot, Zitronen, Salate, Wein aus Kühltaschen, jemand grillte auf den dafür angelegten Plätzen, so dass bald ein Duft von gebratenem Fleisch, vermischt mit dem Geruch von gegrilltem Hummer, über die Klippen und den Hügel zum Wald hinaufzog, es wurde geschlemmt, getrunken, geprostet, es wurden spontane Reden gehalten, eine Floskel löste die andere ab, man hatte natürlich Gitarren mitgebracht, es wurde gesungen, grölend gesungen, All you need is love, scheiß auf die Glückspilze, alle diese unverschämt jungen und schönen Menschen, denen das Leben noch bevorstand, berühmte Personen; einige tanzten, andere rauchten, und nicht nur normale Zigaretten, es gab Küsse noch und nöcher, die Leute knutschten noch und nöcher, mehrere Paare verschwanden kichernd in den Wald, bald wird hier nackt gebadet werden, denke ich, wie ich hier stehe, ich erkenne die Atmosphäre wieder, vor fünfzehn Jahren noch wäre ich selbst nackt baden gegangen, jetzt deprimiert mich dieses Glück nur umso mehr, ein echtes Glück, wie ich mir widerwillig eingestehen muss, während ich nach einer Ausrede suche, um mich nach Hause davonstehlen zu können.

Deshalb sehe ich in Ulriks Nachricht einen Rettungsanker, eine Chance, von hier wegzukommen. Diese Morde. Zahlreiche Menschen getötet im Wald. Ich wittere etwas, wittere einen gottgegebenen Stoff. Wer hätte gedacht, dass an einem der schönsten Spätsommertage ... In der Stadt wusste niemand, dass im Wald ganz in der Nähe ... Einmal musste es auch hier passieren ...

Ich spüre es. Es liegt in der Luft. Etwas geschieht. Alles wendet sich.

Ich ziehe mich zurück, keiner merkt etwas, ich nehme den Steilweg hinauf zur Vestre Kanonenbatterie, der Anhöhe mit Aussicht auf Bygdøy, auf das Fram- und das Kon-Tiki-Museum, auf die Stadt und den wuchtigen Bergrücken im Norden. Was ist vorgefallen in dem Fichtenwald dahinter? Auf bestialische Weise.

Das Gegröle unten am Strand ertönt immer lauter. Flüchtig kann ich Marie sehen, die sich dreht wie ein Derwisch, rundherum und rundherum. Sollte sie es nicht ein bisschen ruhiger angehen? Die Düsternis kehrt zurück. Woher diese Melancholie? Ist es, weil die Insel Heggholmen direkt nebenan liegt – Heggholmen, wo ich in einer tropisch heißen Johannisnacht Anfang der 90er Jahre Martin begegnet bin? Auf diesem Fest damals war ich weit davon entfernt, mich unpässlich zu fühlen, ein Saufgelage, das in einem großen, laubgeschmückten Schuppen neben einigen Sommerhäusern nahe am Wasser abgehalten wurde. Blumenkränze im Haar, Lampions unterm Dach, Parmaschinken mit Melone, Lammkoteletts, Schüsseln mit Erdbeeren, Fässchen mit Wein, zwei Gitarren und gemeinschaftliches Singen – wenn ich darüber nachdenke, war das Fest damals gar nicht viel anders als die Hochzeitsfeier, von der ich gerade flüchten möchte. Der Unterschied war Martin. Und dass ich jung war, jünger, mitten in der Ausbildung zur Journalistin, Martin war gerade fertig geworden, hatte einen Job bei einer Zeitung bekommen, ich dagegen hatte zu zweifeln begonnen, überlegte, ob ich das Studium abbrechen, etwas anderes machen sollte, aber Martin spornte mich an, meinen Abschluss zu machen, sagte, das sei der wichtigste Beruf der Welt, wir seien die vierte Staatsmacht, verdammt, er brannte vor Eifer, steckte mir eine Erdbeere zwischen die Lippen, und ich hatte nichts dagegen, zum Knutschen in die Büsche zu schleichen, besaß dieselbe Unbekümmertheit, Verrücktheit, wie ich sie jetzt bei den Hochzeitsgästen unten am Strand sehe; Martins Augen hatten etwas an sich, einen Blick, der Funken erzeugte, es machte mich nicht zwingend geil, wenn ich in diese Augen sah, aber sie brachten etwas in mir zum Entfachen, und später an dem Abend gab es eine Führung auf dem Künstlergrundstück, das auf dem südlichen Felsvorsprung der Insel lag, wo wir noch mehr Wein bekamen, einen exklusiven Wein, in einem Ateliergebäude unten am Ufer, und dort saßen wir zwischen ausgefallenen Gemälden und Skulpturen und tranken, aber das schönste Kunstwerk hier, flüsterte Martin, das sei ich, und wir waren baden gegangen, nackt baden gegangen am ersten Abend unseres Kennenlernens, wir hatten uns geküsst, wir hatten all das gemacht, was man eben so macht, wenn man sich in einer warmen Mittsommernacht am Fjord kennenlernt und sofort verliebt ist. Ich war nicht berauscht, ich war entfacht.

Das Feuer spüren. Das war lange her. Und verloren.

Abgeschlachtet?

Ich rufe in der Redaktion an, werde an Jakob vermittelt, der diesen Samstag die Zügel in der Hand hält, er sagt, er wisse auch nicht viel mehr, aber es sei Blaulicht zu sehen, sagt er, Chefsache, die Leute seien gerade auf dem Weg dorthin. Wohin?, frage ich. Blankvann, nicht weit von der Kobberhaughytta, sagt er. Scheiße, stimmte das? Ich war dort mal auf einer Skitour, rauf zum Kikut. Mit Martin. Dem Saftsack Martin. Nach dem, was wir von der Polizei aufgeschnappt haben, stimmt der Hinweis, sagt Jakob. Jemand soll die Ermordeten am Nachmittag gefunden haben. Wie viele?, frage ich. Fünf, sagt er, vielleicht mehr.

Berge
Roman / Novelle
ALS BUCH:
Hardcover mit Schutzumschlag

Lesebändchen

504 Seiten
Format: 125 x 195 mm
Auslieferung: ab 2. September 2019
D: 26,00 Euro A: 26,70 Euro CH: k. A.

ISBN (Print) 978-3-902711-84-7

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