x
Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Das Lied der Einsamkeit

Belletristik

Gustave Roud

Das Lied der Einsamkeit

Übersetzt von Gabriela Zehnder, mit einem Vorwort von Philippe Jaccottet

Gustave Roud (1897–1978), "Lehrer" von Philippe Jaccottet, war ein wichtiger Vertreter einer Dichtung der Introspektion und wurde bekannt als Übersetzer deutscher Dichter (Novalis, Trakl, Hölderlin, Rilke) ins Französische, die ihn stark geprägt haben.

Verlagstexte

"Die ganze Tiefe der Zeit." (Philippe Jaccottet)

Das Leben und Werk von Gustave Roud (1897–1978) hat nichts Spektakuläres an sich: Er wohnte zeitlebens auf dem Hof der Familie in Carrouge (Kanton Waadt), wo er in einer poetisch dichten, musikalischen Prosa seine melancholischen Wanderungen im Wechsel der Jahreszeiten durch die Landschaft des Haut Jorat festhielt.

Roud war ein wichtiger Vertreter einer Dichtung der Introspektion und tat sich ausserdem als Übersetzer deutscher Dichter (Novalis, Trakl, Hölderlin, Rilke) hervor, die ihn stark geprägt haben. Heute hat das Werk des von seinen Zeitgenossen verehrten Poeten über die Grenzen der Westschweiz hinaus breite Anerkennung gefunden.

Anerkannt ist inzwischen auch sein fotografisches Werk, und Roud gilt als einer der wichtigsten europäischen Schriftsteller-Fotografen in den Jahren zwischen den Weltkriegen.

Downloads

© Cover: Verlag, Foto(s): k. A.

Presse- und Autorenstimmen

Sein Stil ist hell und klar wie die Wintertage, die er oft beschreibt.

(

Deutschlandfunk, Dina Netz

)

Vor allen anderen Dingen, scheint mir, muss gesagt werden, dass dieses Werk lebendig ist; es steht abseits, es ist verhalten, aber es ist lebendig (vielleicht sogar lebendiger als jede andere Literatur der Romandie).

(

Philippe Jaccottet

)

Textprobe(n)

Blumen der Böschungen ohne Tau, die ihr euch des Reisenden erbarmt, ihn eine nach der anderen grüsst, wohltuend für seinen Schatten, wohltuend für diesen Kopf ohne Gedanken, den er zitternd an euer Gesicht drückt, Zeichen, schüchterner Zuruf, Liebkosung für den Menschen, der nichts mehr kennt von den Menschen als jenes Murmeln einer lippenlosen Stimme und die flüchtige Berührung der flehenden Schatten, ihr, das ganze Jahr über wie ein Kranz lebendiger Gegenwart, das Sternchen des Erdbeer-Fingerkrauts unter seiner Franse schmutziggrauen Schnees (ein nackter Schmetterling hat sich in der Sonne geirrt und taumelt wie ein trockenes Blatt), der Blütenstand der rosa Esparsette, das Tauben-Grindkraut, blau wie der Blick meines verlorenen Freundes, der Salbei, der zum zweiten Mal blühende Novembersalbei und die Schlehe, ihr, die ich euch benenne, und ihr anderen, die ich nicht mehr benennen kann, du, oh Duft der barmherzigen blassen Nelke, der die Träume verwandelt, den unruhigsten Schlaf besänftigt, ihr, die ihr heute, ja in dieser Minute vor meinen Augen anwesend seid, gefügige, gedemütigte Glockenblumen, Gefährtinnen meines einsamen Schattens, Trostspenderinnen, seht, dieser Schatten auf euch ist nicht mehr allein, nehmt es auf, mein Glück einer Stunde, lacht nicht über mein Glück! Ein Gesicht neben meinem Gesicht, eine nackte Schulter an meiner Schulter; die falbe Kruppe der ziehenden Pferde, der Schritt der Pferde zwischen den Steinen, und hinter uns, aufgetürmt bis zu den Wolken, schwer und feierlich, von einem kleinen Mädchen gekrönt, das pralle Fuder Weizen!

Nein, lass sie, die im Kummet verfangene Peitsche. Die Bremsen sind schon genug, und dieses schwarze Gewimmel von Fliegen, das ich vergeblich mit einem belaubten Haselzweig immer wieder zerteile. Nur langsam, der Weg ist weit. Beruhige das stolze Pferd, das dir gehört und das ich liebe, mit seiner Nummer am Hals (das Jahr, in dem du Dragoner geworden bist), seinem tänzelnden, federnden Schritt und den sich unentwegt beugenden Sprunggelenken, als würden sie zum Tanz, zum Sprung ansetzen, seinen Nüstern, wie eine dunkle Rose aus Blut, wenn plötzlich die Sonne hindurchscheint. Der Weg ist langsam. Siehst du nicht rechts und links die Landschaft in ihrem goldenen Gewand, die sich verneigt und uns grüsst? Die ganze Landschaft aufrecht unserer Fuhre entlang, wie die Menge, die einen Umzug säumt, der Heuwiesen raubende Wald, die verschlafene Herberge, der reine Gesang des Seidenmohns! Und jetzt diese Eichen, die nacheinander das gleiche Schattennetz mit den Feuermaschen nach dir werfen.

Deine Pferde sind schweissbefleckt. Hast du keine Zeit für eine kurze Rast vor der letzten Steigung? Soll ich einen Stein unter das Rad schieben, wenn sich die Sonne wieder zeigt? Du antwortest nicht. Du kannst nicht auf diese geheime Bitte eingehen. Du bist der Schnitter, der einen Wagen voll reifer Garben zu seinen Scheunen führt; die Stunden sind gezählt, das Feld, auf dem die Knechte noch mehr Garben binden, ruft dich zurück. Und ich bin nichts. Ein Schritt neben deinem Schritt für eine Stunde, der Zufallsarbeiter, den man im Strassengraben weckt, den Kopf auf dem Salbei, und der an der Kreuzung wieder seine lächerliche Schultertasche umhängt. Mein Gott, schon spreizt dort vorn zwischen den Wiesen die Kreuzung ihre Kreidehand! Wie viele Schritte noch auf dem Weg der Menschen bis zum Weg der Schatten, für wie lange noch dieser schweigsame junge Mann zu meiner Rechten, das Haar voll Körner und Spreu, eine dunkle Statue, vergoldet von Kraft und Schweiss? Da taucht über den Bäumen das rosa Dach deines Hauses mit seiner Rauchschleife auf. Ich kenne die Häuser der Menschen. Der kühle Brunnen wird da sein, aus dem du mit deinem ganzen Körper trinkst, das von der Magd geschürte Feuer, die Bank unter dem niedrigen Dach, auf die ich mich einst setzte. Eine Schwalbe sprach ununterbrochen zu mir, wie die Schwalben zu den Lebenden sprechen, erst das eine Auge auf mich gerichtet, dann das andere, die Kehle vom getrockneten Blut des Itys befleckt. Ich vergass. Ich hörte, wie meine Stimme wieder wie die der anderen wurde. Ich kostete unter Tränen jene Welle der Ruhe, die die müden Körper umhüllt und umspült, wenn der Garten von all seinen unter dem Blattwerk der Nacht verlöschten Blumen raucht. Doch die Nacht nahm mich wie eine ungehaltene Mutter wieder bei der Hand – und stiess mich zu den Sternen.

In ihr lebe ich für immer, jenseits der Zeit, jenseits der Tränen, an jenem geheimen Ort, wo der Tod verleugnet wird, wo mit einem Herzschlag alle geliebten Dinge wieder da sind und erstrahlen, indem sie allein aus der Liebe ein Licht schöpfen so rein wie ein Schrei. Oh nackte Schulter, die dich von der meinen trennt, breite, vom Atem und vom Blut beherrschte Brust, dem Tod geweihte Brust, o Mann, o junge Kraft der Arme und der verletzten Hände, o Schnitter! Du verlässt mich, und doch folgst du mir auf dem Weg der Schatten. Steig hinab mit mir in diese lebendige Nacht. Tritt ein in dieses Herz, dessen Finsternis so klar wie die Augustnacht ist, wo der Weizen atmet und brennt. Ich habe dich vom Himmel errettet. Ich schenke dir meinen armseligen Himmel. Schlaf traumlos unter diesem niedrigen, nackten Gewölbe, wo einzig das Feuer eines Gedankens flackert, wo nie der Stern des Todes funkeln wird.

Das Lied der Einsamkeit
Lyrik
ALS BUCH:
Hardcover mit Schutzumschlag

27 Fotografien vierfarbig und s/w

192 Seiten
Format: 115 x 190 mm
Auslieferung: ab 31. Januar 2018
D: 29.80 Euro A: k. A. CH: 34,50 CHF

ISBN (Print) 978-3-85791-841-4

Symbol Tablet Rezensionsexemplar (eBook)

Der Verlag im Netz:

Pressekontakt des Verlages:

Erwin Künzli
+41 (0)44 4458083
kuenzli(at)limmatverlag.ch

Vertriebskontakt des Verlages:

Rosie Krebs
+41 (0)44 4458082
rosie.krebs(at)limmatverlag.ch