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Sommerleithe - Wortbegehung einer Kindheit

Belletristik

Klaus Weise

Sommerleithe - Wortbegehung einer Kindheit

Aus der Perspektive eines kleinen Jungen erzählt der autobiographische Schelmenroman des Theaterregisseurs Klaus Weise von den Wirrungen einer Kindheit in den 1950er und 1960er Jahren: von der Flucht aus der DDR in den Westen, von Kaltem Krieg, Wiederaufbau und 68er-Bewegung und vom Alltag eines Kindes und Jugendlichen in den Wohlstandsjahren der jungen Bundesrepublik.

Verlagstexte

Zwei kräftige Hände packen den sechsjährigen Metzgersohn und hängen ihn, als sei es ein Spaß, an einen schwarzen Räucherspieß in den Fleischhimmel von Wurst und Schinken. Da hängt er nun. Stolz. Doch je länger er hängt, desto stärker wächst die Angst vor dem Absturz. Wird er betraft? Aber wofür? Und warum lauern da unter seinen Füßen in einem siedend heißen Brühkessel abgeschnittene Schweinsköpfe, die offenbar darauf warten, ihn zu fressen?

Aus der Perspektive eines kleinen Jungen erzählt dieser autobiographische Schelmenroman von den kleinen und großen Wirrungen einer Kindheit in den 1950er und 1960er Jahre – von Kaltem Krieg, Kommunismus und Kapitalismus, vom Wiederaufbau und der 68er-Bewegung, von Armut und Axt, von Diebstahl und Domsingschule, von Gabis Busen, Renates Mund und Monikas Silberblick, von Verzweiflung und missbrauchtem Vertrauen, von prallroten Kirschen und einem Molch, der fliegen kann, und von einer unglaublichen, aber wahren Theaterkatastrophe.

Die Familie des Metzgermeisters flieht aus der DDR und macht sich, mit einer großen Hoffnung im Herzen und einem noch größeren Fragezeichen auf den Schultern, auf den Weg in den Westen, kämpft sich in der U-Bahn durch das Ungeheuer des Untergrunds, im Flieger durch einen Gewitterhimmel, durch das Aufnahmelager, durch fremde Dialekte und abweisende Städte hinein in den Wohlstand und die Verlogenheit der 60er Jahre mit ihren lazy sunday afternoons und aufregenden Vormittagen.

Umrankt wird diese Geschichte von einer assoziativen, mit Schnitten und Zeitsprüngen zwischen damals, heute und der Zeit dazwischen und mit fast halluzinogenen Überlagerungen arbeitenden Wortbegehung. Der Roman ist hart, zart, spannend, voller Poesie und – voller Komik.

Downloads

© Cover: Verlag, Foto(s): Verlag

Textprobe(n)

Von meinem Vater wusste ich, was hier oben wie lange zu hängen hatte; ich kannte die Trockenzeiten von Wurst und Schinken, bevor sie verkauft werden konnten. Doch meine eigene Trockenzeit kannte ich nicht. Ich wusste nur, dass etwas umso teurer wird, je länger es an der Luft trocknet. Denn trocknendes Fleisch verliert Wasser, und für dieses vertrocknete Wasser, das sich in Luft auflöst, also für Luft, muss der Kunde im Laden bezahlen. Er, mein Vater, kaufe ja auch keine vertrockneten Schweine, sondern bezahle für ihr Lebendgewicht, mit Wasser im Fleisch und Blut in den Adern. Trotz dieser Erklärung fand ich es immer ungerecht, dass jemand für etwas bezahlen muss, das nicht mehr da ist, das sich in Luft aufgelöst hat, denn die Luft gehört schließlich allen. Wieso hatte mein Vater, der mich ihm gegenüber zu bedingungslosem Vertrauen erzogen hatte, wieso hatte ausgerechnet er Oswald nicht daran gehindert, mich in den Wursthimmel zu hängen und dort so lange hängen zu lassen? Als sein Chef hätte er es ihm doch verbieten können. Oder ihn davon abhalten, schließlich war er stärker als Oswald. Oder etwa nicht? Er musste doch wissen, dass ich keine Bindfadenschlaufe habe, und wenn ich eine hätte, wo sollte die sein? Etwa um den Hals geschlungen? Da wäre ich erstickt. Oder sie hätte mir den Hals gebrochen. Und mir eine Bindfadenschlaufe um die Füße zu wickeln, als könne man mich beliebig lange kopfunter an einen Räucherspieß hängen, auch das wäre nicht praktikabel, denn mir wäre das Blut in den Kopf gestiegen und schließlich aus Augen, Ohren, Nase und Mund herausgeflossen. Fragen bedrängten mich; und da ich die mich umschwirrenden und sich verknäulenden Fragezeichen nicht entwirren und auflösen konnte, fühlte ich mich bald noch hilfloser, verlassener und einsamer, als ich es ohnehin schon war. Wieso hat Vati Oswald nicht daran gehindert, mich im Himmel aufzuhängen?

...

Es waren schöne Alleen, durch die wir fuhren. Die Bäume, die Wolken, der Himmel, die Landschaft – alles spiegelte sich auf dem Lack der Motorhaube und in der Windschutzscheibe und rauschte an uns vorüber, ohne dass ich mich daran sattsehen konnte. Irgendwann, ich war wohl eingeschlafen, hielt der Wagen an, und ich erwachte. Pipi machen und Butterbrote essen – und schon ging die Fahrt weiter Richtung Berlin. Wir passierten Leipzig, ohne Tante Marie und Onkel Fritz zu besuchen. Wie lange die Fahrt dauerte, die aus irgendeinem Grund über Landstraßen und nicht über die Autobahn führte, weiß ich nicht, aber irgendwann kamen wir in Berlin an. Ich war wieder eingeschlafen und erwachte erst durch die Stille des Motors, der abgeschaltet worden war oder seinen Geist aufgegeben hatte. Verloren wie ein gejagtes Tier am Ende seiner Kräfte stand unser Taxi auf einem weiten grauen Platz, sichtbar für alle und zum Abschuss freigegeben. Doch die wenigen Autos, die vorüberfuhren, und die wenigen Menschen, die mehr über den Platz huschten, als dass sie gingen, nahmen von uns nicht die geringste Notiz. Weder schienen wir willkommen zu sein noch zu stören. Wir waren nicht vorhanden. Wir existierten nicht.

...

Wenig später, in der Halle, liegt zu meinen Füßen eine Sau. Betäubt. Noch nicht tot. Sie wollte nicht aus der Gemeinschaft ihrer Artgenossinnen aus dem engen Pferch durch das noch engere rechteckige Tor des Todes getrieben werden. Doch gegen Stromschläge aus dem Elektrostab war auch sie machtlos. Steht sie erst einmal in der engen, V-förmigen Betäubungsfalle, ist ihr Schicksal besiegelt. Noch zwei, drei Sekunden kann sie wahrnehmen, wie sich das Todeskarussell in Gang setzt … Der Anblick ihrer aufgeschnittenen, ausgeweideten, zersägten und zerteilten Artgenossinnen erschreckt sie, der Geruch von stinkendem Kot, beißend scharfem Urin, süßem Blut, abgeflämmten Borsten und der Zigarettenrauch der Kopfschlächter stechen ihr in die Nase, Gequietsche, Todesschreie, Rufe, Metallgeräusche, von irgendwoher ein Lachen dringen ihr ins Ohr, und als ob das alles nicht schon schrecklich genug wäre, kommt es noch schrecklicher: Ihre Augen verfolgen ein Baby, das der Betäubung durch Strom entwischen konnte und nun zur Belustigung der meisten Anwesenden gejagt wird und orientierungslos durch die Todeshalle rennt und in seiner Angst eine Insel sucht, auf der es gerettet wäre und leben könnte – für viele der Schlachter eine fröhliche Abwechslung in der Öde des Tötens, für manche keines Blickes wert, unwertes Leben, zum Verzehr und zweiten Schlachten mit Messer und Gabel auf dem Teller bestimmt. Doch unsere Sau, voller Mitleid für das kleine Leben, das erst vor kurzem die Welt betreten durfte, sieht, wie es gefangen und gepackt wird – doch währenddessen drückt ihr ein Schlachthofbeamter für einige Sekunden eine Elektrozange in den Nacken, und schon durchzuckt unsere mit sensibler Wahrnehmung begabte Sau der Stromschock der Betäubung, beraubt sie ihrer Sinne, sie erstarrt, Schwanz und Ohren stehen steif. Man könnte sagen, es wird ihr schwarz vor Augen, aber das wäre eine Übertreibung, denn es wird ihr gar nichts mehr. Durch eine Drehung der Falle wird sie auf den Kachelboden gekippt, und da liegt sie nun.

Sommerleithe - Wortbegehung einer Kindheit
Roman / Novelle
ALS BUCH:
Hardcover

fadengeheftet

312 Seiten
Format: 140 x 220 mm
Auslieferung: ab 1. März 2021
D: ca. 24,00 Euro A: k. A. CH: k. A.

ISBN (Print) 978-3-939483-57-1

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